Technologie und Arbeitswelten: Warum „Ethik“ und „Kontext“ wichtiger werden

Die re:publica 18 in Berlin

Nachbetrachtung zur re:publica 18

von Jan Piatkowski

Drei vielfältige Tage bot die re:publica 18 den 10.000 Besuchern an der STATION Berlin. Die zivilgesellschaftliche Konferenz bot viele Themen an, die uns alle schon seit geraumer Zeit begleiten: Arbeitswelten, Technologie, Mobilität, virtuelle Räume. Wenn man diese Punkte miteinander verbindet, wird deutlich, vor welchen Herausforderungen Menschen wie Unternehmen vor dem Hintergrund der vierten industriellen Revolution stehen.

Augmented Reality und Virtual Reality

Wie im Vorjahr haben vor allem Medienunternehmen ihre aktuellen Projekte vorgestellt. Heraus stach die virtuelle Bergbau-Simulation, die der WDR mit Hilfe der Oculus Rift umgesetzt hat: Wann bekommt man sonst die Gelegenheit, „unter Tage“ zu malochen? Ebenso wird die virtuelle Realität dazu genutzt, Geschichten mit einem höheren Erlebnisgrad zu erzählen. So konnte Matthias Maurer, Raumfahrer der ESA, sich am Stand des ZDF durch das Weltall bewegen, ohne die lange Anreise davor antreten zu müssen.

ESA-Raumfahrer Matthias Maurer am Stand des ZDF bei der re:publica 18

Spannend werden Augmented und Virtual Reality im Bereich der Bildung werden — in vielerlei Hinsicht. Der VW-Konzern nutzt etwa sein „Volkswagen Digital Reality Hub“, um Mitarbeiter in den einzelnen Unternehmen auf Projektbasis besser vernetzen zu können. ThyssenKrupp setzt schon etwas länger auf die Möglichkeit, an VR-Panels Technikern die Wartung zu vereinfachen.

Virtual Reality bei ThyssenKrupp, gezeigt auf der re:publica 18

Dass tiefergehende Erlebnisse, wie sie heute Dank AR und VR möglich sind, ein besseres Lernerlebnis ermöglichen, liegt auf der Hand: Edgar Dale stellte mit seinem „Learning Cone“ bereits 1969 fest, dass die Simulation von Realitäten einen besseren und tieferen Lerneffekt ermöglichen. Umso wichtiger ist es daher, diese Technologie verantwortungsvoll einzusetzen. Der Computer als solches wird zunehmend verschwinden und somit einem "tieferen" Erlebnis nicht mehr im Wege stehen -- zu dieser Einschätzung kam der bekannte Tech-Kolumnist Walt Mossberg im letzten Jahr (Link zum Artikel).

Der Learning Cone nach Edgar Dale, gezeigt auf der re:publica 18

Ethik und Verantwortung in der heutigen Zeit

Durch das tiefergehende Erlebnis in Augmented und Virtual Reality müssen Unternehmen und Anbieter sich zunehmend mit Fragen der Ethik auseinandersetzen. „Ich will nicht eines Tages über Fake News und Hassrede in VR/AR diskutieren“, stellte t3n-Chefredakteur Luca Caracciolo unmissverständlich heraus. Denn dort ist die Möglichkeit der Manipulation deutlich höher als das, was wir derzeit in den Facebook-Plattformen und Social Media erleben. Bei der Gestaltung dieser Erlebnisse darf folglich nicht vernachlässigt werden, wie tief der Nutzer eintauchen soll und wie weit ihm die eigenständige Reflektion des Erlebten ermöglicht wird.

t3n-Chefredakteur Luca Caracciolo beim Vortrag über Virtual Reality bei der re:publica 18

Ebenso müssen die großen Plattformen unserer Zeit verantwortungsvoll handeln, weil der einzelne Mensch zunehmend ins Zentrum rückt — nicht nur bei der Werbeansprache oder bei Diensten, sondern auch, wenn er Opfer einer Kampagne wird. Der Journalist Richard Gutjahr schilderte, wie schwer es für ihn war, Google und YouTube zur Löschung von verleumderischen Inhalten gegen seine Person zu bewegen. Der Eindruck wurde erweckt, dass die Meldeprozesse von Content bewusst kompliziert gestaltet wurden, um den Melder zur Aufgabe zu bewegen. Denn Inhalte, die hohe Interaktion erzeugen, sind für die Ausspielung von Werbung und somit für Einnahmen interessant. Plattformbetreiber dürfen sich künftig — unabhängig davon, wie groß ihre Community ist — nicht mehr aus der Verantwortung stehlen, sondern müssen ethisch und nachhaltig handeln, damit Menschen Dienste bedeutsam und werthaltig verwenden können. Gutjahr jedenfalls empfahl, künftig nicht mehr Shitstorms auszusitzen, sondern sich aktiv zu wehren und Rädelsführern persönlich entgegenzutreten.

Journalist Richard Gutjahr über Fake News und Hate Speech bei der re:publica 18

Wie wollen wir künftig arbeiten?

Natürlich schlagen sich Ethik, Verantwortung und nachhaltiges Handeln auch auf die Arbeitswelt nieder. Es war interessant zu beobachten, wie der Grad der Beteiligung der Belegschaft daran, das Arbeitsumfeld zu gestalten, sich erweitert. Stellvertretend sei die OttoGroup genannt, die mit den „LiquidLabs“ ein schnelles Beiboot für den Konzern geschaffen hat. Dort arbeiten Designer an neuen Möglichkeiten, die später in ein Angebot des Konzerns münden können — oder eben nicht, nur dass man Erfahrungen für Folgeprojekte gesammelt hat. Das Lab macht sich dabei die Prinzipien des Lean Startup zu nutze, die besagt, dass in einem Kreislauf fortlaufend gebaut, gemessen und optimiert wird.

OttoGroup LiquidLabs bei der re:publica 18

Für die „LiquidLabs“ bedeutete dies aus, sich von der tradierten Arbeitsweise des „Command & Control“ zu verabschieden. Versuche mit Holokratie — eine Arbeitsweise, die auf Transparenz und partizipativer Beteiligung gründet — wurden allerdings nach einiger Zeit abgebrochen und mit Hilfe eines Scrum Masters „abgewickelt“. Grund war unter anderem, weil die hohe Transparenz dazu führte, dass die Mitarbeiter sich vornehmlich damit beschäftigten und über Prozesse sprachen, anstatt echte Entscheidungen zu treffen. Erkenntnis war, dass ein Modell nie 1:1 auf ein Unternehmen angewandt werden kann. Die OttoGroup etwa setzte in den LiquidLabs auf Rollen- anstatt Stellenbeschreibungen, Fokus auf Outcome sowie eine gesunde Feedback- und Fehlerkultur.

OttoGroup LiquidLabs bei der re:publica 18

Die Möglichkeiten sind heute umfassender, als sie es jemals in der Vergangenheit waren. Bei der OttoGroup etwa probieren Auszubildende Virtual Reality aus, in dem sie prozessuale Zusammenhänge von Prozessen und Arbeitspaketen im virtuellen Raum darstellen. Ebenso lohnte sich der Blick in den Makerspace bei der re:publica: Hier kamen Teams nahezu spontan zusammen, gemeinsam eine Idee in einen Prototypen darstellen zu können. Ob das an der klassischen Werkbank geschieht, oder ob 3D-Drucker oder computergesteuerte Graviermaschinen verwendet werden: Nur was materialisiert wird, kann getestet und optimiert werden.

3D-Drucker im Makerspace der re:publica 18

Mit wem wollen wir künftig arbeiten?

Somit stellen sich zwei Fragen: Was Kollegen künftig mitbringen müssen, um werthaltig arbeiten zu können? Wie müssen Unternehmen in den Zeiten der vierten industriellen Revolution im Mitarbeitermanagement reagieren? Laut Ariane Reinhart, Personalvorstand der Continental AG, geht das nur, in dem „Human Resources“ zu „Human Relations“ umgedeutet wird. Denn letzten Endes pflegen Mitarbeiter Beziehungen zu ihren Kollegen und dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Vielleicht muss die Belegschaft auch mehr als „Community“ verstanden werden, die es ermöglicht, Netzwerke statt Silos zu schaffen, unternehmensübergreifenden Austausch zu befeuern und damit ein Stückweit die Gesellschaft mit zu gestalten. Im Falle der Continental AG bedeutete das, als Arbeitgeber langfristige Perspektiven für Flüchtlinge und benachteiligten jungen Erwachsenen zu eröffnen.

Ariane Reinhart von Continental AG über Human Relations und Digitale Transformation

Unternehmen kommen somit nicht um die Aufgabe, ihre Personalplanung strategisch zu betrachten. Nach der Betrachtung des Ist-Zustands und möglichen Engpässen können etwa Lücken möglicherweise durch einen Experten innerhalb der eigenen Organisation geschlossen werden. Dies kann gelingen, wenn die Fähigkeiten der Mitarbeiter bekannt sind. Die Einstellung eines Mitarbeiters, aktiv in Projekten und in der Organisation gestalten zu wollen, wird zunehmend wichtiger. Dazu wird es wichtig für Unternehmen zu wissen, welche Mitarbeiterskills sie künftig benötigen werden, um für die technologischen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft gewappnet zu sein — entweder zu das Anwerben von Talenten mit entsprechenden Fähigkeiten oder durch Programme, in denen neue Skills antrainiert werden können.

Ariane Reinhart von Continental AG über Human Relations und Digitale Transformation

Die Blockchain wartet nicht

Denn neue Technologien drängen in erhöhter Taktung in unseren Alltag. Die Blockchain etwa lässt sich längst nicht mehr nur auf Kryptowährungen wie Bitcoin, Etherum oder Litecoin reduzieren. Viele Anbieter zeigten spannende Anwendungsfälle für die Blockchain: „Riddle & Code“ etwa entwickelt eine Lösung zur Identitätsprüfung an Flughäfen via Blockchain. Hier werden NFC-Technologien und biometrische Daten eingesetzt, um die Identität einer Person, die einreisen möchte, schneller überprüfen zu können.

Riddle & Code - Blockchain bei der re:publica 18

aeternity dagegen demonstrierte die Blockchain anhand eines digitalen Wallets: Über einen QR-Code bekommt ein Nutzer „Coins“ einer digitalen Währung, die er umgehend in ein Bier eintauschen kann. Die Transaktion läuft dazu auf einer Microsite ab.

aeternity - Blockchain bei der re:publica 18

Digitale Transformation richtig einordnen

Die Klammer um all diese Themen ist, dass „digitale Transformation“ als vierte industrielle Revolution nicht nur auf die Digitalisierung von Prozessen, Diensten und Anwendungen beschränkt werden darf. Der Blick ins 18. und 19. Jahrhundert zeigt, dass sich nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die sozialen Verhältnisse in der damaligen industriellen Revolution grundlegend geändert haben. Die re:publica 18 in ihrer Gesamtheit zeigte, dass wir heute deshalb Ethik, Nachhaltigkeit, Kultur und Beziehungen im kontinuierlichen Wandel, den die „digitale Transformation“ letztlich bedeutet, als Faktoren mit einbeziehen müssen. Für Menschen wie Unternehmen heißt es letztlich, dass wir Herausforderungen und Möglichkeiten nicht mehr länger in Silos, sondern nur noch in ihrer Gesamtheit und ihrem Kontext betrachten müssen, um Kommunikation und Services von Dauer und mit Empathie gestalten zu können.

Die Zukunft der Arbeit - Vortrag bei der re:publica 18

ORT Medienverbund GmbH, veröffentlich am 11.05.2018.

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